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"Electronic Press Kit", 2015 (klicken für Youtubevideo)

Die Erde bebt und der Einschlag des Raumschiffs hinterlässt einen 11,2358 Meter tiefen und dampfenden Krater. Sie setzt ich auf die Trümmer des Wracks und raucht eine Zigarette, bevor sie sich auf den Weg in die gold glühende City macht.

Links von ihr fliesst der Main. Rechts von ihr flüchten die Hasen aufgeschreckt von ihren schnellen Schritten, Haken schlagend, in ein Gebüsch. Über ihr der klare Sternenhimmel, aus dem sie gerade gefallen ist. Auf der anderen Seite des Flusses erstreckt sich die Skyline, formiert aus leuchtenden Hochhäusern, die wie Lautstärkepegel in die Nacht ausschlagen.
Beim Überqueren des Eisernen Stegs schwankt er unter ihr behaglich im WIND. Man hört wohl niemals das gleiche Lied, denkt sie, so wie man niemals in den gleichen Fluss steigt.
LIGHTS spiegeln sich in seiner Oberfläche und werden von Wellen zu Kräuseln verzerrt. Nach einer Weile erkennt man einen Rhythmus, etwas permanent Wiederkehrendes in den Wellen. Ein Urrhythmus, dem man vertrauen kann. Eine Sprache, die man überall im Universum versteht. „Es gab mal eine Zeit, wo es noch keine Worte gab, für das alles hier. Wo das einfach so passierte, und man war mitten drin, schaute zu und hatte irgendwelche Gedanken dabei, aber keine Worte.“ (1)

Alles wird immer elaborierter. Musik wird immer besser. Musik war noch nie so gut wie jetzt. In diesem Augenblick, in genau diesem Moment und was da alles noch kommen wird.

Eine zum Schriftzug geschwungene Neonstoffröhre flackert von weitem im ¾ Takt. Durch die Tür unter dem leuchtenden Buchstaben betritt sie die Bar und das Klacken ihrer Schritte klingt dumpfer und tiefer auf diesem Bodenbelag, bis es an der Theke ganz verstummt. Sie setzt sich auf einen mit Leder gepolsterten Barhocker und ruft mit einer Handgeste den Barkeeper heran.

Die Band spielt Musik:
„Sie musizieren mit einer lässigen Attitüde. Cool einfach. Alles haarfein abgezirkelt. Jede expressive Getriebenheit scheint nachgerade penibel sorgfältig getilgt. Ein Mont Blanc der Elaboriertheit. Einesteils. Aseptisch ist das wiederum nicht, denn zugleich auch, und das ist bei ihnen fabelhafterweise kein Widerspruch, verströmen sie eine beherzte Spiellaune.
Zumindest untergründig schwingt allweil ein Groove mit. Latent, aber eben auch bloß latent, könnte das mithin Tanzmusik sein. Denn so überschaubar, so zugänglich sie sein mag, sie ist zugleich kunstvoll vertrackt.
(…)Es gibt zwar stetig bemessene Spannen der Exposition einer einzelnen Stimme, nicht aber ein Solospiel im herkömmlichen Stil. (…)In einen furiosen musikalischen Strom wandelt sich das Klangbild ständig, mit einem diszipliniert-wachen Formbewusstsein.“(2)

„WHAT`S NEXT?“ fragt der Pianist in die Runde und wendet sich einem Prophet ´08 Synthesizer zu, um diesen zu bedienen. Dieser Sound klingt dann doch irgendwie vertraut, fast wie zu Hause. Die Musik mischt sich mit den melancholischen Rufen eines Kuckucks, die mit dem grauenden Morgen durch das gekippte Fenster dringen. Die Band spielt HEY BIRD und singt dazu im Chor, 156,1117 bpm. Die Klangmelange packt sie wattig ein und lässt Erinnerungen an ihr Lichtjahre entferntes Zuhause aufkommen. Sie muss an ihre Kollegen Ijon Tichy und Sun Ra und ihre Reisen denken. Sun Ra, der immer das Bewusstsein verlor, wenn er in eine andere Dimension vordrang und der mit ihr die Liebe zur Musik teilt. Sie wünschte, er wäre hier und könnte diesen Morgen mit ihr teilen. Sie würden fachsimpeln, während sie auf den Barhockern im Takt hin und her kippeln.
Der Kontrabass klingt durch die Bearbeitung mit Filtern oft wie ein elektronisches Musikinstrument und steht ungewohnt oft im Vordergrund. In dieser Kombination mit den akkurat gespielten Drums scheint die Musik zwischen unterschiedlichen elektronischen Musikgenres, klassischem Jazz bis hin zu rockigen Passagen hin und her zu fliegen, wie sie gerade eben noch mit ihrem Raumschiff. Immer wieder entwickelt einer der Musiker auf der Bühne ein Rhythmus, eine Melodie oder eine Idee, die dann langsam von den beiden Kollegen aufgegriffen und weiter bearbeitet wird. Sowohl eigenständig als auch perfekt eingespielt wirken die Musiker, wie die Besatzung eines Raumschiffs, das sicher durch das Weltall manövriert wird.

Der Barkeeper weiß zu berichten, dass die Band des öfteren für Inszenierungen des sich in direkter Nachbarschaft befindlichen Theaters komponiert und spielt. Eine verjazzte Version einer Wagner Interpretation soll wohl für Aufsehen gesorgt haben erinnert er sich. Auch wird gemunkelt, dass sie 2016 den Hessischen Jazzpreis bekommen sollen.

Sie nippt am Glas und schmeckt das Gin/Vermuth Verhältnis 8,5321 zu 1 heraus. Ein trockener Martini.

(1) Rave, Rainald Goetz, 1998

(2) Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau, 24.07.2016

Text von Johannes Büttner